Kooperation mit der Stadt Werne und weiteren freien Trägern
Eines der wichtigsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte der JUGENDHILFE Werne ist die Kooperation mit der Stadt Werne und weiteren freien Trägern im FAMILIENnetz Werne. Der Charakter der Einrichtung als Kinderheim konnte durch die Öffnung für das Netz, den öffentlichen Spielplatz und die Cafeteria überzeugend verändert werden. Es ist nun deutlich, dass hier Hilfen und Angebote für alle angesiedelt sind.
Das Familiennetz Werne zieht zur Jugendhilfe Werne
Am 22. August 2009 fiel in Werne der Startschuss für das FAMILIENnetz Werne, in dem sich auf Initiative der Stadt acht Partnerinnen und Partner aus Politik und Gesellschaft für ein familienfreundliches Lebensumfeld engagieren. Den feierlichen Rahmen dazu bot ein großes Familienfest in den neuen Räumlichkeiten des Familiennetzes Werne auf dem Gelände der JUGENDHILFE Werne am Fürstenhof. In Werne gibt es bereits eine Vielzahl an Angeboten, die Familien im Alltag unterstützen. Dennoch fehlte bislang eine verbindliche Struktur zur Vernetzung dieser Angebote und ein umfassender Blick auf die Situation der Familien vor Ort. Insbesondere Kinder und Jugendliche sollten stärkere Aufmerksamkeit und Förderung erhalten. Hier knüpft das FAMILIENnetz Werne an, mit dem Ziel, die vorhandenen Unterstützungsleistungen zu optimieren und durch eine gemeinsame Anlauf Anlaufstelle den Zugang für die Familien zu erleichtern. Im Mittelpunkt steht dabei, Familien frühzeitig über Angebote im unmittelbaren Umfeld zu informieren und bei Bedarf praktische Hilfestellung zu geben. Unter dem Dach des FAMILIENnetz Werne in den Räumlichkeiten der Jugendhilfe koordinieren die Partnerinnen und Partner ihre Aktivitäten und bündeln spezielle Angebote ihres Tätigkeitsspektrums für Familien. „Begegnen, Beraten, Begleiten und Helfen“ bilden dabei die inhaltlichen Schwerpunkte der Bündnisarbeit. Dazu gehört u.a. die flexible und langfristige Unterstützung der Familien vor Ort mit Beratungsangeboten rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familiengründung, Kindertagesbetreuung oder Erziehung. Aber auch regelmäßige Treffpunkte für Jugendliche sowie junge Familien und Alleinerziehende oder Infoveranstaltungen zu familienrelevanten Themen gehören zur Bandbreite des
Neustart
In den letzten Jahren war immer wieder spürbar, dass es neue Möglichkeiten bezüglich der Angebote für Kinder und ihre Familien geben könnte; aber auch, dass neue Formen und Methoden gefragt sein würden. Offene Ganztagsgrundschulen intensivierten die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Jugendhilfe, die Gründung von Familienzentren und das neue „Kindergartengesetz“ KiBiZ veränderten den Blickwinkel der Kindergärten und ihrer Aufgaben. Immer wieder gab es Gespräche in Werne, wie denn diese Entwicklung bezogen auf unsere Heimatstadt optimal genutzt werden könnte. Die Stadt, freie Träger, Gemeinden, Vereine, Schulen.
Alle waren betroffen und beteiligt. Erste Pläne wurden gemacht und wieder verworfen, Vieles wurde diskutiert und nach und nach zeichnete sich ein Konzept ab. Der Durchbruch war das Konzept „FAMILIENnetz Werne“, das von der Jugendamtsleiterin
Frau Kappen vorgelegt wurde. Es griff die Idee einer zentralen Anlaufstelle auf und verband sie
mit dem Wunsch eine möglichst niederschwellige Anlaufstelle zu schaffen: mit Spielplatz und Cafe und einem zentralen Beratungs- und Vermittlungsangebot.
Für uns kam diese Idee gerade zum rechten Zeitpunkt, da wir seit einiger Zeit überlegten, wie wir aus unserem abgeschotteten Heimgelände eine offene Anlaufstelle für Kinder und ihre Familien machen könnten. Die vielfältigen Aufgaben in Werne erforderten eine neue Ausrichtung, die vor fast 30 Jahren beim Bau des Kinderheimes nicht vorstellbar war. Hinzu kamen zwei ganz praktische Gründe, etwas zu verändern: Die Räumlichkeiten der Verwaltung waren für die wachsenden Aufgaben und für das dafür eingesetzte Personal zu klein geworden und nach 30 Jahren gab es einen erheblichen Renovierungsbedarf an den Häusern auf dem Heimgelände.
Erste Gespräche zwischen Stadt und JUGENDHILFE führten schnell dazu, dass man sich grundsätzlich darauf einigte, eine gemeinsame Lösung zu gestalten: Das FAMILIENnetz sollte seinen Sitz auf dem Gelände der JUGENDHILFE Werne bekommen. Die ersten Überlegungen waren noch sehr zaghaft und vorsichtig, aber mit der wachsenden Begeisterung und der Akzeptanz des Modells wuchs auch die Bereitschaft seitens der Verantwortlichen, in dieses Modell zu investieren. Damit war der Startschuss gegeben zum Um- und Neubau eines ehemaligen Gruppenhauses des Kinderheims zur neuen Verwaltung und dem Sitz des FAMILIENnetz Werne samt Cafeteria und öffentlichem Spielplatz.
In einer langen Bauphase, die immer wieder durch neue kreative Ideen bereichert wurde, wurde aus dem Entwurf des Architekten R. Hellkötter ein reales Gebäude – unübersehbar und für seine Zwecke optimal geeignet.
Im Sommer zog unsere Verwaltung ein, danach Frau Stilter vom FAMILIENnetz, am 22. August feierten wir die Einweihung und seitdem geht es Schritt für Schritt vorwärts. Einiges muss noch getan werden, anderes funktioniert schon hervorragend. Von unserer Seite ist mit diesem gemeinsamen Projekt unsere Idee, die JUGENDHILFE Werne für die Familien in der Stadt Werne zu öffnen, viel besser erreicht worden, als wir das alleine hätten schaffen können. Wir freuen uns, dass diese Kooperation so gut klappt und dass die Stadt Werne und die freien Träger damit ein Vorzeigemodell geschaffen haben.
Öffentlichkeit oder Privatheit
Schutzaspekt versus Normalisierungstendenzen in der Jugendhilfe?
Mit der Öffnung des Geländes sind auch unsere Wohngruppen leicht erreichbar, die Kinder leben quasi am Rande eines öffentlichen Geländes. Das ist für die Besucher und für uns neu und hat auch in der Einrichtung zu Diskussionen und Fragen geführt, da wir ja auch den Auftrag haben, die Kinder zu schützen.
Hier einige Gedanken zu diesem Thema:
Um es vorweg zu nehmen: Gegensätze wie sie in der Überschrift formuliert sind, kann man nicht dadurch auflösen, dass man sich für eine der beiden Seiten entscheidet. Besser ist, sich zu entscheiden, das eine zu tun ohne das andere zu lassen.
Das neu gestaltete Gelände der Jugendhilfe Werne gibt unter diesen Stichwörtern Anlass zur Diskussion. Wie viel Privatheit braucht die in diesem Fall stationäre Jugendhilfe, wie viel Privatheit benötigen die auf dem Gelände lebenden Kinder? Aber diese Fragen lassen sich eben auch von der anderen Seite her denken: Mit welcher Begründung müssen Kinder, die die Leidtragenden nicht gelingender Erziehungsprozesse ihrer Eltern sind, in einem separierten Lebensumfeld untergebracht werden? Es spricht viel dafür, diesen Kindern ein geschütztes Lebensumfeld zu bieten, in dem sie durch die Anwesenheit anderer Kinder, die eine ähnliche Biografie haben, von der Einschätzung befreit werden, sie seien es gewesen, die für die Trennung der Familie verantwortlich sind. Dazu leben sie in unseren Gruppen mit in sich geschlossenen Gebäuden, mit eigenem Vorgarten und Spielgarten hinter dem Haus. Der Schutz wird nicht durch Mauern, Wälle oder Gitter sondern durch die Präsenz der anwesenden Personen gewährleistet. Wer darauf verweist, dass gerade in Sorgerechtsstreitigkeiten Kinder vor ihren Eltern geschützt werden müssten und man deshalb abgeschirmte Heimanlagen brauche, dem sei entgegnet, dass kriminelle Energie eher nicht zu Taten führt, wenn diese in einem öffentlichen Raum stattfinden. Als Beispiel kann hier der Schulbesuch gelten, der ja ebenfalls im öffentlichen Raum stattfindet.
Das Konzept der zentralisierten und abgeschotteten Heime als Ort von Hilfen zur Erziehung wird von den aktuellen Entwicklungen der Jugendhilfe deutlich in Frage gestellt. Die Tendenz der Einbindung erzieherischer Hilfen in Regelangebote ist klar zu erkennen. Das Modellprojekt zur Einbindung von Tagesgruppenarbeit in Schulen unter der Federführung des LWL hat darüber hinausgehende Tendenzen bis hin zum Quartiersmanagement erbracht und neuere Forschungen bestätigen die höhere Reichweite und Akzeptanz (mithin den Abbau von Schwellen und Stigmatisierung) der Jugendhilfe, wenn diese eingebunden in Regelangebote offeriert wird. Es ist also zu hoffen, dass auch die Öffnung des Geländes der Jugendhilfe Werne hin zum öffentlichen Raum zur Normalisierung und erhöhter Akzeptanz auch von hoch intervenierenden Maßnahmen beiträgt und damit mehr Eltern diese Form der Jugendhilfe als Unterstützung erfahren können.
Bauphase